Mu’tah war keine Schlacht, wie die Muslime sie zuvor geführt hatten. Bei Badr, Uhud und al-Khandaq stand die Gemeinschaft von Medina den Stämmen Arabiens gegenüber, Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, dieselben Traditionen kannten und auf derselben Halbinsel lebten. Bei Mu’tah standen dreitausend Muslime dem Heer des Byzantinischen Reiches und seiner arabischen Vasallen gegenüber, in einem Tal im Süden des heutigen Jordanien, viele Tagesreisen von Medina entfernt. Es war die erste Konfrontation zwischen dem islamischen Staat und einer Weltmacht. Was geschah, war kein Sieg im üblichen Sinne. Aber es war auch keine Niederlage. Und die Art, wie der Prophet ﷺ und seine Gefährten ﵃ damit umgingen, sagt mehr über das Wesen dieser Gemeinschaft aus als manche gewonnene Schlacht.
Der Anlass
Der unmittelbare Anlass war die Ermordung eines Gesandten. Al-Harith ibn Umayr al-Azdi ﵁ war vom Propheten ﷺ mit einem Brief an den Herrscher von Busra in Syrien geschickt worden. Unterwegs wurde er von Schurahbil ibn Amr al-Ghassani, dem Vasallenkönig der Ghassan unter Byzanz, abgefangen und getötet. Das Töten von Gesandten galt in der arabischen Tradition als eine der schwersten Verletzungen der ungeschriebenen Gesetze des Verkehrs zwischen Völkern. Der Prophet ﷺ konnte dies nicht unbeantwortet lassen, ohne die Autorität und Sicherheit jedes künftigen Gesandten aufs Spiel zu setzen.
Er stellte ein Heer von dreitausend Mann zusammen, die größte Expedition, die bis dahin von Medina aus aufgebrochen war. Er ernannte drei Anführer in der Reihenfolge der Nachfolge.
Prophet ﷺ: Der Anführer ist Zayd ibn Haritha ﵁. Wenn Zayd getötet wird, dann Ja’far ibn Abi Talib ﵁. Wenn Ja’far getötet wird, dann Abdullah ibn Rawaha ﵁. Wenn Abdullah getötet wird, soll das Volk einen aus seiner Mitte wählen.
Zayd ibn Haritha ﵁ war der freigelassene Sklave und angenommene Sohn des Propheten ﷺ, ein Mann, den er innig liebte. Ja’far ibn Abi Talib ﵁ war sein Cousin, der Mann, der in Abessinien vor dem Negus gesprochen und die Verse der Sura Maryam rezitiert hatte. Abdullah ibn Rawaha ﵁ war der Dichter, der bei der Umrat al-Qada vor dem Propheten ﷺ vorausgegangen war. Drei Männer, die dem Propheten ﷺ teuer waren, in der vordersten Reihe einer Expedition ins Herz des byzantinischen Einflussgebiets.
Als das Heer Medina verließ, stand der Prophet ﷺ am Stadtrand, um es zu verabschieden. Abdullah ibn Rawaha ﵁, der wusste, was ihn möglicherweise erwartete, weinte.
Umstehende: Was lässt dich weinen, o Ibn Rawaha?
Abdullah ibn Rawaha ﵁: Bei Allah, es ist nicht die Liebe zur Welt und auch keine Abneigung gegen euch. Doch ich hörte den Propheten ﷺ einen Vers aus dem Buch Allahs ﷻ über das Höllenfeuer rezitieren: “Und es gibt keinen unter euch, der nicht darüber hinwegschreitet.” Ich weiß nicht, wie ich darüber hinwegkomme, nachdem ich es erreicht habe.
Prophet ﷺ: Möge Allah ﷻ mit euch sein und euch wohlbehalten und mit Beute zurückbringen.
Das Heer erreicht Mu’tah
Als das Heer das Gebiet von Ma’an im Süden Syriens erreichte, kamen Berichte über die Größe der feindlichen Streitmacht. Heraklios hatte ein vereinigtes Heer aus byzantinischen Truppen und arabischen Vasallen aufgestellt, das auf hunderttausend Mann geschätzt wurde. Manche Überlieferungen nennen zweihunderttausend. Gegenüber dreitausend Muslimen.
Die Anführer hielten Rat.
Ein Teil der Gefährten ﵃: Lasst uns dem Propheten ﷺ schreiben und ihm die Größe des Feindes melden. Dann gibt er uns entweder Verstärkung oder einen anderen Befehl.
Abdullah ibn Rawaha ﵁: O ihr Menschen, bei Allah, das, wovor ihr euch scheut, der Märtyrertod, ist genau das, wofür wir ausgezogen sind. Wir kämpfen nicht mit Zahl, Stärke oder Masse. Wir kämpfen mit dieser Religion, mit der Allah ﷻ uns geehrt hat. Zieht weiter. Es ist eines der beiden guten Dinge: Sieg oder Martyrium.
Gefährten ﵃: Ibn Rawaha hat recht.
Das Heer zog weiter nach Mu’tah.
Die Schlacht
Die beiden Heere trafen in der Ebene von Mu’tah aufeinander. Zayd ibn Haritha ﵁ nahm die Fahne und kämpfte, bis er fiel, von Speeren durchbohrt. Ja’far ibn Abi Talib ﵁ ergriff die Fahne mit seiner rechten Hand. Als seine rechte Hand abgeschlagen wurde, ergriff er sie mit der linken. Als seine linke Hand abgeschlagen wurde, presste er die Fahne an seine Brust, bis er fiel. Er hatte in jenem Augenblick neunzig Wunden am Leib, die Hälfte davon an der Vorderseite.
Prophet ﷺ: (In Medina, während die Schlacht stattfand, sah er durch Offenbarung, was geschah, und berichtete es seinen Gefährten ﵃) Zayd nahm die Fahne und wurde getötet. Dann nahm Ja’far die Fahne und wurde getötet. Dann nahm Ibn Rawaha die Fahne und wurde getötet.
(Seine Augen flossen über)
Prophet ﷺ: Danach nahm eines der Schwerter Allahs die Fahne, und Allah öffnete ihm den Sieg.
Abdullah ibn Rawaha ﵁ ergriff die Fahne nach Ja’far ﵁. Er zögerte einen Augenblick, etwas in ihm zog sich zurück. Später überlieferte er, was in ihm vorging.
Abdullah ibn Rawaha ﵁: (Zu sich selbst) O Seele, ich schwöre bei Allah, dass du eintreten wirst, willig oder unwillig. Die Menschen kämpfen, und du blinzelst mit den Augen? Was hat dich erfasst? Wenn du getötet wirst, bist du ein Märtyrer. Wenn du überlebst, bist du frei.
(Er steigt von seinem Kamel ab, kämpft und wird getötet)
Nach dem Tod der drei Anführer übernahm Thabit ibn Arqam ﵁ die Fahne vorübergehend und rief den Gefährten ﵃ zu, sie sollten jemanden wählen. Sie wiesen auf Khalid ibn al-Walid ﵁, der erst kurz zuvor den Islam angenommen hatte, dessen militärische Genialität jedoch jedem bekannt war.
Thabit ibn Arqam ﵁: (Zu Khalid ﵁) Nimm die Fahne.
Khalid ibn al-Walid ﵁: Nein, nimm du sie. Du bist älter als ich im Islam und bei der Anwesenheit in der Schlacht.
Thabit ibn Arqam ﵁: Nimm sie. Du bist besser für sie geeignet als ich.
(Khalid ﵁ nimmt die Fahne)
Khalid ﵁ verstand sofort, dass ein Frontalangriff auf ein Heer dieser Größe die Vernichtung des muslimischen Heeres bedeutete. Er führte einen kontrollierten Rückzug aus, wobei er die Formation immer wieder änderte, um beim Feind den Eindruck zu erwecken, es sei Verstärkung eingetroffen. Die Byzantiner, unsicher, was geschah, zogen sich zurück. Das muslimische Heer kehrte nach Medina zurück.
Der Empfang in Medina
Die Rückkehr war nicht triumphal. Die drei Anführer waren tot. Das Heer hatte sich zurückgezogen, ohne einen entscheidenden Sieg errungen zu haben. Die Menschen von Medina kamen den Heimkehrenden entgegen.
Menschen von Medina: (Werfen Staub auf die Heimkehrenden) O ihr Flüchtigen, ihr seid vom Weg Allahs ﷻ geflohen.
Prophet ﷺ: Sie sind keine Flüchtigen. Sie sind diejenigen, die zurückkehren, um erneut zu kämpfen, so Allah ﷻ will.
Der Prophet ﷺ ging zum Haus Ja’far ibn Abi Talibs ﵁, um seiner Frau Asma bint Umays ﵂ sein Beileid auszusprechen. Sie war gerade dabei, das Haus in Ordnung zu bringen und Brot zu backen, ohne zu wissen, was geschehen war.
Prophet ﷺ: (Ruft die Kinder Ja’fars ﵁ zu sich und umarmt sie. Seine Augen sind voller Tränen)
Asma bint Umays ﵂: O Gesandter Allahs, hast du Nachricht von Ja’far?
Prophet ﷺ: Ja. Er ist heute als Märtyrer gefallen.
(Asma ﵂ schreit auf, und die Frauen sammeln sich um sie)
Prophet ﷺ: (Zu seinem Haushalt) Bereitet Essen für die Familie Ja’fars zu, denn sie sind mit etwas beschäftigt, das sie von sich selbst ablenkt.
Über Ja’far ﵁ sagte der Prophet ﷺ später, dass Allah ﷻ ihm zwei Flügel gegeben habe, mit denen er im Paradies fliege, als Ersatz für seine beiden abgeschlagenen Hände. Von jenem Augenblick an wurde er Ja’far at-Tayyar genannt, Ja’far der Fliegende.
Die Bedeutung von Mu’tah
Mu’tah wird in den Quellen weder als Sieg noch als Niederlage beschrieben. Der islamische Staat hatte sich zum ersten Mal mit der größten Militärmacht seiner Zeit auseinandergesetzt und war unversehrt daraus hervorgegangen. Dreitausend Mann hatten gegen ein Vielfaches an Feinden standgehalten, drei Anführer hatten die Fahne gehalten, bis sie fielen, und ein vierter hatte das Heer durch einen Rückzug gerettet, der strategisch die einzig richtige Entscheidung war.
Die Bedeutung war auch symbolisch. Die Muslime hatten gezeigt, dass sie nicht nur den Stämmen Arabiens gewachsen waren, sondern auch bereit, ihre Grenzen aufzusuchen, weit weg von Medina, gegenüber einer Weltmacht. Khalid ibn al-Walid ﵁ sollte dasselbe byzantinische Heer Jahre später in der Schlacht von Yarmuk endgültig schlagen und Syrien für den Islam öffnen. Der Weg zu jenem Sieg begann im Tal von Mu’tah, wo drei Männer, die der Prophet ﷺ liebte, die Fahne hielten, bis sie nicht mehr konnten.
