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Die britische Eroberung Sokotos und die französischen Eroberungen
Geschichte des Islams in WestafrikaDas Sokoto-Kalifat

Die britische Eroberung Sokotos und die französischen Eroberungen

Die letzte Hidschra: Wie Sokoto, Kano und der gesamte westliche Sudan in sieben Jahren fielen

Zwischen 1893 und 1903 fallen in rascher Folge die letzten islamischen Staaten Westafrikas den europäischen Gewehren zum Opfer. Die Franzosen aus dem Westen, die Briten aus dem Süden. Der letzte Kalif von Sokoto wählt die Hidschra statt der Unterwerfung. Er stirbt am Ufer eines Flusses namens Burmi. Und ein Jahrhundert Fulani-Staatenbau endet mit einer einzigen Kugel, einem einzigen Tag und einer Akte in einem Londoner Archiv.

Das Jahr, in dem sich die Landkarte endgültig verändert

Bis in die 1870er Jahre war Westafrika für Europäer überwiegend ein Küstenphänomen. Forts entlang des Senegal, entlang der Goldküste, entlang der Bucht von Benin. Das Hinterland stand auf den Karten noch mit weißen Flächen und Fragezeichen: „Bilad as-Sudan", „Sudanesische Königreiche", „Unbekannter Fluss". Afrikanische Fürsten verhandelten aus einer Position relativer Unabhängigkeit mit europäischen Händlern.

Das änderte sich abrupt nach der Berliner Konferenz von 1884–1885. Dort wurde, ohne dass ein einziger afrikanischer Vertreter anwesend war, die Karte Afrikas in Einflusszonen aufgeteilt. Frankreich beanspruchte den größten Teil des westlichen und zentralen Sudan. Großbritannien beanspruchte den Südosten, also Nigeria, das untere Niger-Tal, nordwärts entlang des Tschadsee-Gebiets. Deutschland nahm Togo und Kamerun. Portugal behielt Guinea-Bissau. Die Belgier bekamen den Kongo, die Spanier kleine Teilstücke.

Diese Ansprüche waren auf dem Papier. Die konkrete Eroberung kam zwischen 1885 und 1903. Und sie kam mit einer neuen Generation von Waffen: dem Maxim-Maschinengewehr (Patent 1884, Feldeinsatz ab etwa 1890), dem Martini-Henry-Repetiergewehr, dem gepanzerten Dampfkanonenboot. Gegen diese Technologie hatte keine afrikanische Armee, gleichgültig wie gut ausgebildet, wie zahlreich, wie mutig, eine tragfähige Taktik. Das zahlenmäßige Verhältnis auf Schlachtfeldern wie Kousséri und Burmi sollte mitunter hundert zu eins zuungunsten der Europäer betragen. Das Ergebnis war dennoch stets dasselbe.

Behandeln wir diesen letzten Akt in drei Teilen: den französischen Tanz nach Osten, den britischen Tanz nach Norden und den Fall Sokotos als Krönung beider.

Die Franzosen verschlingen den westlichen Sudan

Der französische Vormarsch begann bereits unter Louis Faidherbe (Gouverneur des Senegal 1854–1865), der die ersten systematischen Feldzüge gegen den Toucouleur-Staat Umar Talls ﵀ führte. Doch die volle Eroberungsphase kam nach der Berliner Konferenz.

1883 fällt Bamako in französische Hände. 1887 Bafoulabé. 1890 wird Ségou, jetzt unter Umar Talls ﵀ Sohn Ahmadu Sékou, von Louis Archinard erobert; Ahmadu Sékou flieht mit seinem Hof ostwärts nach Massina, wo er 1893 erneut von Archinard bei der Einnahme von Djenné und Timbuktu geschlagen wird. Er zieht noch weiter ostwärts, nach Sokoto, wo er 1898 als Verbannter sterben sollte. Das Toucouleur-Reich, das Umar Tall ﵀ gegründet hatte, hält dreißig Jahre nach seinem eigenen Tod nicht mehr stand.

Im Süden führt Samori Touré, ein Mandinka-muslimischer Krieger, der zwischen 1880 und 1898 ein großes islamisches Reich von der nördlichen Elfenbeinküste bis tief in das heutige Burkina Faso aufgebaut hatte, einen der längsten und einfallsreichsten Widerstände gegen die französische Expansion. Er verlegt sein gesamtes Almamyat nach Osten, als die Franzosen Druck aus dem Westen ausüben. Er steigert seine eigene Pulverherstellung. Er unterhält Spione in französischen Forts. Doch im September 1898 wird er schließlich von Hauptmann Gouraud in Guélémou gefangengenommen, in die Verbannung nach Gabun geschickt und stirbt dort 1900. Mit ihm fällt eines der letzten wirklich beweglichen muslimischen Heere des Kontinents.

Und unterdessen gab es noch einen weiteren Akteur: Rabih az-Zubayr, einen ehemaligen Offizier aus dem mahdistischen Sudan, der in den 1880er Jahren mit einem Sklavenjägerheer westwärts marschiert war, das alte Kanem-Bornu-Reich rund um den Tschadsee erobert hatte (1893) und einen eigenständigen militärischen Staat errichtet hatte. Rabih ist eine ambivalente Gestalt; er war formell Muslim, führte eine gewisse Dschihad-Rhetorik, doch sein Staat war im Kern ein persönliches Kriegerimperium, das von Sklavenraubzügen lebte, kein streng religiöses Projekt wie Sokoto oder Hamdullahi. Im April 1900, am 22. April, in der Schlacht von Kousséri (im heutigen Tschad), wird Rabih von einer französischen Kolonne unter Kommandant Lamy geschlagen und getötet. Kousséri kostet auch Kommandant Lamy das Leben; ironisch, wenn man bedenkt, dass die spätere Stadt Fort-Lamy (heute N’Djamena) nach ihm benannt werden sollte. Rabih war kein Sokoto, doch seine Niederlage machte die nördliche Flanke des britischen Nigeria frei, sodass die Briten planmäßig vorstoßen konnten.

1899 war die französische Eroberung des westlichen Sudan praktisch abgeschlossen. 1900 hatten sie die boucle du Niger vollständig in der Hand. Nur der Osten, also Hausaland, Sokoto, Teile Bornos, lag noch offen für den britischen Spieler.

Frederick Lugard und sein Auftrag

Auf britischer Seite war der Motor Frederick Lugard (1858–1945), ein britischer Armeeoffizier, der in Indien gedient und früher im Dienst der Royal Niger Company gestanden hatte. Am 1. Januar 1900 wurde von der britischen Krone das Protectorate of Northern Nigeria ausgerufen, mit Lugard als erstem Hochkommissar. Sein Auftrag: die lokale Souveränität formell zu übernehmen, möglichst viel bestehende Verwaltung unter britischem Schirm zu erhalten (die Formel, die er später als indirect rule theoretisieren sollte) und das Sokoto-Kalifat, das immer noch die größte islamische politische Einheit Subsahara-Afrikas war, zu beenden.

Sokoto war zu diesem Zeitpunkt, hundert Jahre nach dem Dschihad Usman dan Fodios ﵀ von 1804, ein gereiftes, aber geschwächtes islamisches Staatsgebilde. Es umfasste dreißig Emirate auf einem Gebiet, doppelt so groß wie England. Kano war seine größte Handelsstadt, ein Wirtschaftszentrum, in dem Textilproduktion, Lederindustrie und Karawanenhandel in großem Maßstab stattfanden. Doch das Kalifat war innerlich gespalten. Kalif Abderrahman hatte von 1891 bis 1902 als passiver Herrscher regiert. Sein Nachfolger Muhammad Attahiru I. bestieg im Oktober 1902 den Thron in einer Atmosphäre wachsender Angst: Berichte über französische Feldzüge im Westen, britische Forts an der Bucht von Benin, deutsche Expansion in Kamerun und ein eigentümlicher Strom chiliastischer Mahdi-Predigt in Teilen Hausalands, der die Bevölkerung zusätzlich beunruhigte.

Lugard hatte die Waffen. Was er noch suchte, war ein Anlass. Der kam im September 1902, als der Emir von Keffi, ein Vasall von Zaria, einen britischen Residenten (Captain Maloney) tötete. Lugard forderte Genugtuung, der Emir floh nach Kano, wo er von Emir Aliyu aufgenommen wurde, und Aliyu weigerte sich, ihn auszuliefern. Diese Weigerung wurde Lugards Casus Belli.

Der Feldzug gegen Kano

Im Januar 1903 marschierte eine britische Kolonne von etwa 700 westafrikanischen Soldaten (rekrutiert aus der West African Frontier Force, vor allem Hausa- und Yoruba-Rekruten), 25 britischen Offizieren, vier Maxim-Maschinengewehren und vier leichten Geschützen, unter Oberst Thomas Morland, von Zaria aus nordwärts in Richtung Kano. Der Marsch dauerte drei Wochen, durch staubige Savanne im trockenen Harmattan-Wind, mit täglichen Märschen von zwanzig Kilometern, Vorräten auf Lasttieren, knappem Trinkwasser.

Der Emir von Kano, Muhammad Aliyu dan Sidi, befand sich zu diesem Zeitpunkt in Sokoto zur Beratung mit dem Kalifen. Seine Stellvertreter versuchten, die Verteidigung zu organisieren. Kano verfügte über eine eindrucksvolle Stadtmauer, elf Meter hoch, fünfzehn Kilometer im Umfang, mit vierzehn Toren, und über eine starke Kavallerie, ausgerüstet mit Kettenpanzern, Schwertern und Speeren sowie einer begrenzten Anzahl altmodischer Feuerwaffen.

Am 3. Februar 1903 erreichte Morland die Stadt. Die britische Kolonne stellte sich etwa achthundert Meter vom Tor Kofar Kabuga entfernt auf. Die Kano-Kavallerie, unter dem Befehl des Madaki Aliyu, führte einen klassischen Angriff aus: Tausende Reiter in Formation, Lanzen nach vorn, unter dem Klang von Trommeln und Algaita-Flöten. Gegen die Maxim-Maschinengewehre.

Morland selbst schrieb später kurz darüber in seinen Depeschen, die in den Archiven des Colonial Office (Lugard-Sammlung, CO 446) erhalten sind: „Der Kavallerieangriff des Feindes war mutig und gut koordiniert, aber unsere Maxims eröffneten das Feuer auf dreihundert Yards, und der Angriff kam keine achtzig Yards an unsere Linien heran. Der Boden dazwischen war binnen zehn Minuten mit gefallenen Reitern und Pferden übersät. Wir haben dabei keinen einzigen Mann verloren."

Lest das noch einmal. Dreihundert Yards. Zehn Minuten. Tausende Reiter gegen vier Maschinengewehre. Das ist die Wirklichkeit von 1903.

Die Briten stürmten das Stadttor, verloren einige Männer durch Musketen- und Pfeilbeschuss, drangen in die Stadt ein. Gegen Abend war Kano in britischer Hand. Die Stadtmauer, die jahrhundertelang gestanden hatte, war an einem einzigen Tag strategisch bedeutungslos geworden.

Das ist keine Niederlage durch Mangel an Mut. Das ist eine Niederlage durch eine technologische Kluft. Das müssen wir klar unterscheiden. Die Kano-Kavallerie war nach jedem afrikanischen Maßstab des neunzehnten Jahrhunderts eine hochwertige Streitmacht. Gegen Maschinengewehre hatte sie kein Mittel. Es ist nach jeder rationalen Messung unmöglich, 1903 zu gewinnen, wenn man die Waffen der 1850er Jahre besitzt. Was das über Mut, über islamische Identität, über das Existenzrecht des Sokoto-Kalifats aussagt, ist ein anderes Gespräch. Doch auf dem Schlachtfeld selbst war der Ausgang schon vor dem ersten Schuss entschieden.

Sokoto muss wählen

Die Nachricht vom Fall Kanos erreichte Sokoto innerhalb weniger Tage. Der Kalif Muhammad Attahiru I., erst drei Monate auf dem Thron, stand vor der schwersten Entscheidung, die ein islamischer Herrscher haben kann.

Seine Berater waren gespalten. Manche Emire schlugen Verhandlungen vor: einen britischen Residenten in Sokoto zu akzeptieren, Tribut zu zahlen, im Tausch für eine zeremonielle Selbstverwaltung die formelle Souveränität aufzugeben. Das wäre die Dhimmi-Logik in umgekehrter Richtung gewesen: nicht der muslimische Herrscher über den Nichtmuslim, sondern der nichtmuslimische Herrscher über die muslimische Bevölkerung. Juristisch schwer problematisch innerhalb der klassischen malikitischen Fiqh, in der Praxis aber das, was viele Vasallen ohnehin schon stillschweigend taten.

Andere Berater schlugen die Hidschra vor. Eine massenhafte Migration nach Osten, in Richtung Mekka, weg von der Dar al-Kufr, die sich gerade etablierte. Diese Option hatte tiefe islamische Rechtfertigung. Sie verwies unmittelbar zurück auf die eigene Gründung des Sokoto-Kalifats: Usman dan Fodio ﵀ hatte 1804 selbst eine Hidschra vollzogen, von Degel nach Gudu, bevor er seinen Dschihad erklärte. Das Konzept wudschub al-hidschra min dar al-kufr, also die Pflicht zur Hidschra aus dem Gebiet des Unglaubens, war eine klassische malikitische Doktrin, die dan Fodio ﵀ selbst in seinem Bayan wudschub al-hidschra ʿala al-ʿibad systematisch dargelegt hatte. Der Kalif würde also, indem er die Hidschra wählte, die Entscheidung seines eigenen Gründungsvaters ein Jahrhundert später wiederholen.

Und dazwischen die dritte Option, die einige Militärberater vorschlugen: warten, Waffenstillstände unterzeichnen, manövrieren, darauf wetten, dass die Briten sich übernehmen würden. Diese Option war angesichts der Berichte aus Kano nicht glaubwürdig.

Muhammad Attahiru I. wählte die Hidschra. Am 13. März 1903, als sich Lugards Heer Sokoto näherte, verließ er die Stadt mit einigen Tausend Anhängern: Familienmitgliedern, Emiren kleinerer Staaten, die sich ihm anschlossen, Schülern, Soldaten der eingeschworenen Garde. Sie zogen ostwärts auf einer Route, die schließlich nach Mekka führen sollte. Der Weg, der dafür zu beschreiten war, betrug 5000 Kilometer, durch ein Gebiet, das immer feindseliger werden würde, mit Karawanen, die Lebensmittel für eine unbekannte Zahl von Monaten aufladen mussten.

In Sokoto selbst blieb eine kleine Gruppe von Emiren unter Führung von Attahirus Bruder. Sie nahmen Verhandlungen mit Lugard auf. Am 15. März 1903 marschierten britische Truppen kampflos in Sokoto ein. Lugard hielt eine Ansprache in der großen Moschee von Sokoto, proklamierte die formelle Oberhoheit der britischen Krone und kündigte an, dass er einen neuen Kalifen einsetzen werde: einen gehorsamen Kandidaten aus der dan-Fodio-Familie, der bereit war, die britische Suzeränität zu akzeptieren.

Und das tat er. Muhammad Attahiru II., ein Neffe des fliehenden Kalifen, ohne unmittelbare Verbindung zum alten Legitimitätsbegriff, wurde von Lugard zum Kalifen ernannt. Der Titel war plötzlich eine britische Ernennung. Das Kalifat, das 1804 als oberste Autorität eines unabhängigen islamischen Staates gegründet worden war, wurde 1903 zu einer erblich-dekorativen Position innerhalb der britischen Kolonialverwaltung. Dieser Muhammad Attahiru II. sollte bis 1915 leben; seine Nachfolger, gewählt von den britischen Behörden und später von der nigerianischen Bundesregierung, sollten bis heute in Sokoto „Sultan" heißen und eine zeremonielle Rolle erfüllen.

Das ist eine merkwürdige Form der Kontinuität. Der Titel überlebt. Der Staat nicht. Die Familie bleibt auf dem Thron. Die Souveränität nicht. Das ist indirect rule in seiner klinischsten Form.

Die fliehende Karawane und die Schlacht von Burmi

Unterdessen marschierte Muhammad Attahiru I., der wahre Kalif in seinen eigenen Augen und in den Augen seiner Anhänger, ostwärts. Er sammelte Unterstützung lokaler Emire, die zur Hidschra zu ihm kamen. Bauchi schloss sich an. Misau schloss sich an. Teile von Gombe. Ihre Zahl wuchs auf einige Zehntausend, also Männer, Frauen, Kinder, Vieh, Wagen. Das war kein Heer im klassischen Sinn, sondern eine Muhadschirun-Gemeinschaft, ein wandernder Stamm mit seinem Fürsten als religiösem Mittelpunkt.

Lugard sah die Gefahr. Eine geglückte Hidschra würde Sokoto in der Theologie der Dar al-Kufr festschreiben und jedem gelehrten Muslim ein Argument liefern, ebenfalls ostwärts zu ziehen. Außerdem würde das britische Kolonialprojekt für unbestimmte Zeit ein bereinigtes Narrativ neben sich haben: „Es gibt noch einen Kalifen, und er ist nicht bei Lugard." Das war politisch unannehmbar.

Also schickte Lugard eine Kolonne hinter Attahiru her, unter Major Marsh, später verstärkt. Im Sommer 1903 hatte die Karawane mehrere Scharmützel mit britischen und lokalen Truppen. Viele Anhänger fielen unterwegs aus, durch Erschöpfung, Hunger, Überläufer, die in ihre Emirate zurückkehrten. Bis Juli war die Gruppe kleiner, aber noch in Bewegung.

Schlacht wird geladen...

Am 27. Juli 1903 erreichten Attahirus verbliebene Truppen, etwa 2000 bewaffnete Anhänger und Tausende nichtmilitärische Muhadschirun, den Ort Burmi im heutigen Bundesstaat Gombe, Nigeria, am Ufer des Gongola-Flusses. Dort holte sie die britische Kolonne unter Major Marsh ein. Am 27. Juli 1903 (am gleichen Tag der Ankunft in Burmi) wurde die Schlacht geschlagen.

Attahirus Truppen kämpften tapfer. Sie griffen in Wellen an, im Nahkampf, mit Schwertern und Karabinern. Die Briten hatten Maxims und Martini-Henrys. Innerhalb weniger Stunden war es vorbei. Muhammad Attahiru I. wurde getötet, zusammen mit neun weiteren Emiren, die mit ihm gezogen waren. Die Verlustzahlen schwanken; britische Depeschen melden etwa 90 britisch-westafrikanische Verluste und schätzungsweise 700 bis 1500 auf Sokoto-Seite. Viele von ihnen waren Nichtkämpfer.

Und hier kommt ein Detail, das sich hundert Jahre später noch unangenehm anfühlt.

Der Leichnam und das Foto

Nach der Schlacht wurde der Leichnam Muhammad Attahirus I. von den Briten identifiziert. Lugards Depeschen und die britische Presse jener Zeit berichten, dass sein Leichnam auf einen Karren gelegt, durch das Lager gefahren und sein Kopf laut einigen Quellen von britischen Offizieren in Augenschein genommen, laut anderen Quellen kurze Zeit öffentlich für die übrigen Muhadschirun zur Schau gestellt wurde, als Beweis seines Todes. Das war keine ungewöhnliche Praxis innerhalb der Kolonialkriegführung des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts; sowohl die Gefangennahme Samori Tourés als auch die Enthauptung Rabih az-Zubayrs waren mit ähnlichen Ritualen verbunden.

Für die Muhadschirun war dies eine endgültige geistliche Niederlage. Ihr Kalif, der der Erbe Usman dan Fodios ﵀ selbst war, der die Hidschra-Doktrin korrekt angewandt hatte, der auf der Grundlage islamischer Rechtstradition seine Wahl getroffen hatte, dieser Mann lag tot auf einem britischen Karren. Einige Anhänger flohen noch ostwärts, und eine kleine Gruppe erreichte später tatsächlich Mekka, wo sie als Takruri-Kolonie bis ins zwanzigste Jahrhundert überleben sollte (die sudanesische Stadt Maiurno in der Provinz Sennar wurde 1906–1907 von einem von ihnen gegründet). Doch als politische Bewegung war die Hidschra beendet.

Halten wir bei diesem Bild einen Moment inne. Es gibt eine Versuchung, Attahiru als Schahid, als Märtyrer zu rahmen. Diese Versuchung brauchen wir heute Abend nicht. Nicht weil Attahiru keine Würde verdiente; er verdient sehr wohl Würde. Sondern weil das Umrahmen einer Niederlage als Sieg, also „er hat geistlich gewonnen, auch wenn er militärisch verloren hat", den realen Charakter dessen, was geschah, auslöscht. Attahiru wurde getötet. Seine Leute wurden getötet. Sein Leichnam wurde ohne Ehre behandelt. Der islamische Staat, dem er diente, wurde in ein heidnisch-britisches Imperium einverleibt. Das war ein Verlust. Kein moralischer Verlust, denn auf islamischer Seite war das juristische Argument stark, sondern ein tatsächlicher, materieller, weltverändernder Verlust.

Wir dürfen dies als Verlust anerkennen, ohne uns der Verzweiflung hinzugeben. Die islamische Tradition hat andere große Verluste anerkannt, den Fall Bagdads 1258, den Fall Granadas 1492, den Fall des osmanischen Kalifats 1924, ohne damit ihren Glauben zu verlieren. Die Anerkennung des Verlustes ist gerade das, was uns mit dieser Tradition verbindet. Wir kommen aus einer Umma, die Verluste erlitten hat und weitergegangen ist. Wir müssen den Verlust nicht in einen Sieg umdeuten, um damit weitermachen zu können.

Die Elegien des Wakili Junaidu und der Sokoto-Dichter

Was uns aber bleibt, und das ist reicher, als man manchmal denkt, sind die Elegien-Gedichte aus Sokoto aus den Jahren unmittelbar nach 1903. Auf Hausa und Fulfulde, geschrieben von der Ulama-Klasse, die nach Attahirus Tod in Sokoto und in den umliegenden Städten geblieben war, gibt es ein Genre der Trauerdichtung, in dem die Niederlage mit genauer Benennung beschrieben wurde: welcher Emir fiel, welche Ulama gefangengenommen wurden, welche Bibliotheken geplündert, welche Moscheen zu Kasernen umgebaut wurden.

Aus dieser Elegien-Tradition sind Dutzende Werke in den Bibliotheken von Sokoto, Kano und Dauche sowie in späteren Sammlungen wie der von Hiskett erhalten geblieben. Sie sind kein Triumphalismus. Sie sind klassische islamische Trauer in der Tradition der Elegien für al-Husayn ﵁ in Karbala, für die Gefallenen von Uhud, für jeden Schahid in jeder späteren geschlagenen Epoche. Die Genrekonvention lässt Raum für genau das, was wir heute Abend tun: anerkennen, dass es einen Verlust gab, ehren, was verloren ist, ohne den Verlierer größer zu machen, als er war, oder den Sieger kleiner.

Die Briten installierten ihre indirect rule in Nordnigeria mit relativer Effizienz. Den Emiren wurde ihre Stellung gelassen, sofern sie die britische Steuerbefugnis akzeptierten und britische Residenten an ihren Höfen aufnahmen. Islamische Bildung wurde geduldet, aber zugunsten neuer Kolonialschulen marginalisiert. Die Scharia-Gerichte funktionierten unter der Aufsicht britischer Native Courts teilweise weiter. Die Moscheen blieben stehen. Doch die zentrale politische Autorität des Kalifen, die hundert Jahre lang die Umma des westlichen Sudan symbolisch geleitet hatte, war beendet.

Was die koloniale Eroberung nicht erreicht hat

Und doch müssen wir, bevor wir diese Szene schließen, etwas sagen, was nicht in Lugards Depeschen steht.

Die Eroberung Sokotos war politisch. Sie war nicht religiös. Die Briten ersetzten den Kalifen; sie ersetzten den Islam nicht. In den Jahren nach 1903 lasen Muslime in Hausaland und in den weiten Fulani-Gebieten weiterhin Koran, fasteten, reisten nach Mekka, ließen ihre Kinder Arabisch lernen. Die Tariqas, also Qadiriyya und Tidschaniyya, funktionierten weiter, manchmal sogar gestärkt durch das Wegfallen des Staats-Islam (der die Ulama mitunter kooptiert hatte). In den 1920er und 1930er Jahren sollten neue Schuyukh wie Ibrahim Niass ﵀ in Kaolack (Senegal) und später die Erben von Schaich Dan Fodio erneut starke religiöse Bewegungen aufbauen, jetzt innerhalb, aber nicht aus der kolonialen Struktur heraus.

Der Islam in Westafrika wuchs tatsächlich schneller unter kolonialer Herrschaft als zuvor. Die Statistiken sind verfügbar: Um 1900 war etwa 30 % der Bevölkerung des heutigen Senegal muslimisch; bis 1960 (Unabhängigkeit) waren es rund 85 bis 90 %. Vergleichbar in Nordnigeria: Die Massenislamisierung der Hausa-Bauern, die zuvor nur nominell oder teilweise islamisiert waren, fand größtenteils im zwanzigsten Jahrhundert statt. Das ist ein Paradox, das wir nicht beiseiteschieben sollten. Die politische Niederlage des Islam im Jahr 1903 ging mit einem demografischen Durchbruch des Islam in den darauffolgenden Jahrzehnten einher.

Das ist kein Argument dafür, dass die Eroberung ein Segen gewesen wäre. Es ist eine Feststellung, dass religiöse Identität und politische Autorität nicht dieselbe Schicht sind. Die Briten konnten Sokoto als Staat beenden. Sie konnten den Islam als Glaubenstradition nicht aus den Menschen herausreißen. Und diese Tradition lernte sich unter kolonialen Bedingungen neu zu organisieren, in Zaouias, in Koranschulen, in Kaufmannsgilden, in Migrationsgemeinden, in den Hadsch-Karawanen, die nun mit Dampfschiffen von Lagos und Dakar aus aufbrachen.

Wir und sie, jetzt

Heute Abend sitzen wir hier, in einem Saal in den Niederlanden, der größte Teil von uns mit surinamisch-antillianischen Wurzeln, afrokaribische Muslime mit einem Erbe, das über den atlantischen Sklavenhandel aus genau den Regionen stammt, die wir heute Abend besprochen haben. Sokoto, Hausaland, die Senegambia-Mandinka, die Bambara von Ségou, die Fulani von Massina, die Imazighen der Sahara. Irgendwo zwischen jenen Orten und diesem Saal verlaufen Blutslinien und geistige Linien, und manchmal ist die Karte verloren gegangen, und manchmal ist sie einfach noch da, in Namen und Gewohnheiten und einem intuitiven Gefühl, dass man mit Westafrika zu tun hat.

Wir sind heute Abend den langen Bogen abgeschritten. Von den Zaghawa und Wagadu im frühen Mittelalter zu Mali und Timbuktu und Mansa Musa, zu Songhai und Tondibi, zum Jahrhundert der Fragmentierung, zu den Dschihads von Seku Amadu ﵀ und Umar Tall ﵀ und schließlich, hier, zu Burmi 1903 und dem Fall des letzten großen islamischen Staates Westafrikas.

Die Geschichte endet nicht 1903. Die Geschichte biegt sich dort durch eine Engstelle, einen Tunnel, in dem die politische Macht der Umma kurzzeitig ausgeschaltet wird, und kommt auf der anderen Seite wieder hervor, verändert, aber nicht erloschen. Senegal wird 1960 unabhängig und ist zu neunzig Prozent muslimisch. Nigeria wird 1960 unabhängig und hat im Norden eine muslimische Mehrheit, die das Erbe des Kalifats noch immer als Identitätskern führt. Mali, Burkina Faso, Niger, Guinea, Mauretanien, alle mehrheitlich muslimisch, alle mit eigenen Sufi-Traditionen, die durch Linien laufen, die wir heute Abend berührt haben. Die Suwari-Tradition der Jakhanke besteht noch. Die Tidschaniyya Umar Talls ﵀ blüht weltweit, auch unter Muslimen in den Niederlanden. Die Qadiriyya über Kunta-Linien lebt in Mauretanien und Niger fort. Sokoto hat noch immer einen Sultan.

Für uns heute Abend, als niederländische afrokaribische Muslime, lautet die Lehre vielleicht so: Wir sind Teil einer Welt, die Schläge eingesteckt hat, große Schläge, und die noch da ist. Unsere Geschichte ist nicht nur eine Geschichte von Niederlagen. Sie ist eine Geschichte von Menschen, die Bücher schrieben, während die Heere anderer vor ihrer Tür standen. Von Fürsten, die schmerzhafte, aber integre Entscheidungen trafen. Von Gelehrten, die miteinander um den richtigen Weg stritten und diesen Weg schließlich beide, in eigener Variante, gegangen sind. Von Kaufleuten und Hirten und Klerikern und Soldaten, die im Lauf der Jahrhunderte versucht haben, etwas zu bauen, das ihren Namen tragen konnte.

Ein Teil davon ist verschwunden. Ein anderer Teil steht noch. Und wieder ein anderer Teil, ein nicht kleiner Teil, läuft, über die Wege, die der atlantische Sklavenhandel gelegt hat, in uns selbst herum. Wenn wir beten, wenn wir fasten, wenn wir unsere Kinder in Amsterdam oder Rotterdam oder Paramaribo oder Willemstad den Koran rezitieren lassen, dann tun wir etwas, in dem das Sokoto-Kalifat, das Mali-Reich, die Bibliotheken Timbuktus, die Jakhanke-Dörfer und der Hamdullahi-Madschlis alle, auf ihre eigene Weise, noch immer mitatmen. Nicht als Tote. Als Vorfahren.

Das ist eine Geschichte, für die wir nicht zu lügen brauchen, um sie würdig zu finden. Das ist es, was ich Ihnen heute Abend anbieten wollte.


Quellen

  • Usman dan Fodio ﵀, Bayan wujub al-hijra ʿala al-ʿibad, geschrieben im Ramadan 1221/November 1806, wie datiert bei Last, p. 46; Masaʾil muhimma, dessen vierte Frage zum Umgang mit Ungläubigen im März 1903 zur Grundlage für die Unterwerfung Sokotos wurde, wie besprochen bei Adeleye, p. 284.
  • Frederick Lugard und T. N. Morland, die Berichte über die Kano-Sokoto-Expedition und den Fall von Burmi in der Colonial-Office-Reihe C.O. 446 und Morlands Bericht an Lugard (Cd. 1433), wie verwendet bei Adeleye, pp. 269, 272, 309.
  • R. A. Adeleye, Power and Diplomacy in Northern Nigeria 1804–1906: The Sokoto Caliphate and Its Enemies, Humanities Press, New York 1971 (Ibadan History Series), pp. 3, 95, 131, 169–170, 193–194, 221, 237, 264–265, 267, 269, 272–273, 277, 279–285, 288, 307–311.
    • pp. 3, 95, 221: das Kalifat über ein Gebiet von etwa 250.000 Quadratmeilen; die Regierung ʿAbd al-Rahman ibn Atiqs von März 1891 bis zu seinem Tod 1902; Lugards Proklamation vom 1. Januar 1900, in arabischer Übersetzung an den Kalifen und die Emire gesandt.
    • pp. 131, 170, 193, 237: die Berliner Westafrika-Konferenz; Rabih, zuvor im Dienst Zubayr Paschas im östlichen Sudan, der um Dezember 1893 die Eroberung Bornus begann und am 22. April 1900 bei Kusseri von den Franzosen geschlagen und getötet wurde.
    • pp. 169–170, 194: der Sturz des Tukulor-Reiches von Segu durch die Franzosen und die Flucht Ahmad ibn Schaich Umars ﵀ nach Osten in das Gebiet von Sokoto, wo er am 16. Dezember 1897 starb.
    • pp. 264–265, 267: die Ermordung von Captain Moloney in Keffi am 3. Oktober 1902 durch die Männer des Magaji Dan Yamusa, des Vertreters des Emirs von Zaria; der Heldenempfang des Magaji in Kano durch Emir Aliyu, für Lugard der Kriegsgrund.
    • pp. 269, 272–273: Morland, der am 29. Januar 1903 mit vierundzwanzig Offizieren, zwölf Unteroffizieren, 722 Mann, vier 75-mm-Geschützen und vier Maxims aus Zaria aufbrach; der Angriff vom 3. Februar: Mauern von dreißig bis fünfzig Fuß Höhe, der gescheiterte Beschuss des Zaria-Tores, die Erstürmung des Kabuga-Tores mit Leitern, etwa dreihundert gefallene Verteidiger und auf britischer Seite keine Toten und vierzehn Verwundete.
    • pp. 277, 279: die Angriffe der Kano-Reiterei auf das Karree von Leutnant Wright bei Kotorkwoshi und Rawiya am 25. und 26. Februar; die Unterwerfung des Wombai Abbas am 6. März, mit nur 120 eingesammelten Gewehren.
    • pp. 280–285, 288: die geteilten Meinungen in Sokoto zwischen Frieden, Kampf und Hidschra; das Lager des Kalifen vor den Mauern am Freitag, dem 13. März; die Schlacht vom 15. März, in der die Hauptmacht von zweitausend Reitern und viertausend Mann Fußvolk in weniger als zwanzig Minuten geschlagen wurde, mit etwa hundert Toten, worauf Attahiru I. nach Osten floh und die Briten um elf Uhr in die verlassene Stadt einzogen; der Wesir Muhammad al-Bukhari ﵀, der am 19. März zurückkehrte; Lugard in Sokoto am 19. März, die Nominierung Muhammad al-Tahir ibn ʿAli ibn Bellos (Attahiru II.), des Verlierers der Wahl von 1902, am 20. März und seine Einsetzung am 21. März im Zentrum der Stadt, mit der Garantie freier Religionsausübung.
    • pp. 307–311: Major Marsh, der am 23. Juli mit einer Streitmacht von fünfhundert Mann, fünfundzwanzig Offizieren, vier Maxims und zwei Geschützen Nafada erreichte; der Angriff auf Burmi am 27. Juli um elf Uhr, der Tod Marshs durch einen vergifteten Pfeil, mehr als sechshundert gefallene Verteidiger und Attahiru I., der mit etwa neunzig Mann am Tor fiel; auf britischer Seite Marsh, vier Mann und sechs Träger getötet und etwa neunzig Verwundete; die Zerstörung Burmis am 28. Juli; die Flucht seines Sohnes Mai Wurno an den Nil, wo sich die Auswanderer bei Schaich Talhat niederließen und rund dreißig Jahre später das Dorf Mai Wurno gründeten.
  • Murray Last, The Sokoto Caliphate, Longmans, Green and Co, London 1967, pp. 46, 140–141.
    • pp. 140–141: die Wahl Muhammad Attahiru ibn Ahmads am 13. Oktober 1902, drei Tage nach dem Tod ʿAbd al-Rahmans, und die Schlacht bei Sokoto am 15. März 1903; Gebet und Amulette gegen Kugeln als wichtigste Verteidigung; der Emir von Kano, ʿAli ibn ʿAbdullah, der sein Heer verließ; der Amir al-muʾminin, der nach der verlorenen Schlacht langsam nach Osten zog, während die meisten Amtsträger unter Lugards Zusage, den Islam nicht zu behindern, zurückblieben.
  • Mervyn Hiskett, The Sword of Truth: The Life and Times of the Shehu Usuman dan Fodio, Oxford University Press, New York 1973, pp. 14, 124, 153.
    • pp. 14, 124, 153: Lugard, der 1903 den Emir von Kano und den Kalifen besiegte und ein britisches Protektorat errichtete, wobei das Fulani-Verwaltungsgefüge unter britischen Residents intakt blieb; der Kano-Dichter, der um 1903 die britische Expedition als die Heere von Gog und Magog besang; das Gefüge des Fulani-Reiches, das unter Indirect Rule bis in das unabhängige Nordnigeria fortlebte.
  • Sylviane A. Diouf, Servants of Allah: African Muslims Enslaved in the Americas, 15th anniversary edition, New York University Press, New York 2013, p. 53: das Sokoto-Kalifat, das hundert Jahre bis zur britischen Eroberung Bestand hatte.