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Omar ibn Said; Das emotionale Herz
Geschichte des Islams in WestafrikaDie atlantische Unterbrechung

Omar ibn Said; Das emotionale Herz

Omar ibn Said ﵀: Der Mann, der Arabisch an die Wand schrieb

Fayetteville, North Carolina, 1810. Ein etwa sechzigjähriger Gefangener hebt ein Stück Holzkohle vom Boden auf. Er setzt den ersten Buchstaben. Der Wärter sieht zu und weiß nicht, was er sieht.

Der erste Buchstabe

Man muss sich ein Bild vorstellen. Nicht das Schiff, nicht den Markt, nicht die Plantage; die kommen später. Erst dieses Bild.

Eine Zelle in Fayetteville, North Carolina. Sommer 1810. Steinerne Mauern, ein Fenster hoch in der Ecke, das Licht fällt schräg herein. Ein Mann von etwa vierzig Jahren, später wird er selbst schreiben, er habe dort älter ausgesehen als er war, sitzt auf dem Boden. Er ist seinem ersten Sklavenhalter in Charleston entlaufen. Er ist zweihundert Kilometer durch das Hinterland gelaufen. Er ist erschöpft, ausgehungert, gefasst. Jetzt sitzt er da.

Und er hebt etwas auf. Ein Stück Holzkohle. Vielleicht einen Holzsplitter aus einem ausgetretenen Feuer. Er steht auf. Er geht zur Wand. Er setzt den ersten Buchstaben.

Es ist Arabisch.

Der Wärter, der jede Stunde hereinschaut, sieht die Zeichen erscheinen. Zuerst hält er sie für Gekritzel. Dann fällt ihm auf, dass die Zeichen sich wiederholen, dass eine Regelmäßigkeit darin liegt, dass dies kein Wahnsinn ist, sondern eine Schrift. Die Nachricht geht durch Fayetteville. Menschen kommen schauen. Ein gefasster, geflohener Afrikaner, der in einer Sprache schreibt, die niemand in North Carolina lesen kann.

Das ist der Anfang. Nicht seines Lebens, das hatte vierzig Jahre zuvor in Futa Toro begonnen. Aber der Anfang der einzigen Spur, die er uns hinterlassen hat. Der Anfang dessen, warum wir zweihundert Jahre später noch seinen Namen aussprechen.

Futa Toro, 1770

Gehen wir zurück.

Um 1770 wird in Futa Toro ein Junge geboren. Futa Toro ist ein Fulani-Sultanat am Mittellauf des Senegal-Flusses, im heutigen Nordsenegal und Südmauretanien. Wenige Jahre nach seiner Geburt wird die Torodbe-Revolution unter Führung Sulayman Bals und später Abdul Qadir Kans einen islamischen Reformstaat errichten, das Imamat von Futa Toro, im einheimischen Pulaar Almaamate. Das ist das Klima, in dem der Junge aufwächst.

Sein Name ist Omar. Ibn Said. Sohn des Said. Seine Familie gehört zur Torodbe: der gelehrten, religiösen Fulani-Schicht, die in Futa Toro die politische und intellektuelle Macht innehat. In seiner Autobiographie, fünfundsechzig Jahre später auf einer Plantage in North Carolina geschrieben, nennt er die Namen seiner Lehrmeister. Seinen Bruder Muhammad. Einen Lehrer Schaich Soleiman Kumba. Einen anderen, Jebril Abdal. Das sind keine Abstraktionen. Das sind Männer, die ihm in einem Dorf am Senegal-Fluss das Lesen beigebracht haben.

Er studiert fünfundzwanzig Jahre. Lassen wir diese Zahl im Saal wirken. Fünfundzwanzig Jahre. Mehr als genug, um vom Talib zum Malam aufzusteigen, vom Studenten zum Lehrer. Er memoriert den Koran. Er studiert Fiqh nach der malikitischen Madhhab. Er liest Tafsir, Tauhid, Nahw, Grammatik. Während des Ramadan betet er Tarawih in der Moschee des Dorfes, manchmal am Hof des Almaamy Abdul Qadir.

Das ist das erste, was man verstehen muss, bevor eine einzige Fessel um seine Handgelenke gelegt wird. Omar ibn Said ﵀ ist keine exotische Ausnahme. Er ist das Produkt einer westafrikanischen intellektuellen Tradition, die zu jener Zeit, gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, in Blüte steht. Die Reformstaaten von Futa Toro, Futa Jallon, später Sokoto bringen eine Generation von Gelehrten hervor, die auf Arabisch träumen, die Ibn Abi Zayd al-Qayrawani ﵀ aus dem Kopf zitieren, die die Risala neben den Mukhtasar Khalils legen und den Unterschied erläutern können.

Er ist ein westafrikanischer muslimischer Intellektueller. Er war das, bevor er etwas anderes wurde. Und er wird es bleiben, unter der Haut, unter der Verkleidung, unter dem Unrecht, bis zu dem Tag, an dem er stirbt.

Die Überfahrt

Um 1807 bricht es ab.

Der genaue Krieg, der ihn gefangen nimmt, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren. Futa Toro steht in jenen Jahren unter Druck von Nachbarvölkern, von den Sklavenjagden der Küstenstaaten, von inneren Konflikten. Er selbst schreibt knapp, „ein großes Heer" sei gekommen und habe ihn „zum Meer" geführt. Mehr sagt er nicht. Wir sollen aus diesem Schweigen nicht mehr machen, als er selbst zugelassen hat.

Er ist siebenunddreißig. Er hat eine Familie. Er hat Bücher. Er hat einen Platz in seiner Gemeinschaft. All das wird ihm in wenigen Wochen aus den Händen seines Lebens gerissen. Er wird über die Dorfgrenze getrieben, zu einem Sammelpunkt, zu einem Küstenfort, wahrscheinlich Saint-Louis oder Gorée, das sind die Tore jener Zeit. Und dann die Überfahrt. Die Middle Passage, wie die englischsprachigen Quellen sie nennen. Anderthalb Monate auf See, seinem eigenen Bericht zufolge. Gut sechs Wochen im Bauch eines Schiffes, das er nie gebaut hat, auf einem Ozean, von dem er nicht wusste, dass er existiert, zu einem Kontinent, dessen Namen er nicht aussprechen konnte.

Gehen wir hier nicht zu schnell weiter.

Dieses Schiff war eine Folterkammer. Hunderte von Menschen aufeinandergestapelt in Räumen, die für Güter ausgelegt waren. Krankheit. Hunger. Typhus. Die Toten über Bord. Kein Licht. Kein Raum, aufrecht zu stehen. Kein Gebet in Gemeinschaft; wie sollte es. Wir wissen nicht, ob Omar ﵀ während der Überfahrt das Salah verrichten konnte. Wir wissen nicht, ob er beten konnte. Wir wissen aber, dass er irgendwo tief daran festgehalten hat, denn was er Jahre später niederschreibt, ist unverkennbar die Sprache eines Mannes, dessen Inneres nie vom Koran losgelöst wurde.

Er kommt in Charleston, South Carolina, an. Der Auktionsblock. Er wird verkauft; sein erster Eigentümer nennt ihn „Moreau", was wahrscheinlich eine Verschleifung von Umar ist, wie eine südstaatliche Zunge diesen Klang umbaut. Er wird Eigentum eines Mannes, den er in seinem Manuskript „Johnson" nennt. Er schreibt knapp, doch präzise: Johnson war grausam. Er schlug. Er gab nicht genug zu essen. Er war ein kleiner, schlechter Mann.

Was Omar ﵀ vom Schiff trägt, ist nichts, buchstäblich kein Besitz, außer dies: Er kann in zwei Sprachen lesen und schreiben. Arabisch und Pulaar. Das ist sein Faden der Kontinuität. Das ist es, was niemand ihm nehmen kann. Sie können seinen Körper besitzen. Sie können seinen Namen umbauen. Sie können ihm ein neues Alphabet aufzwingen. Doch das Arabisch, das er mit fünfzehn auswendig lernte, sitzt tiefer als Eigentum.

Das wird in drei Jahren sichtbar werden. An einer Zellenwand.

Die Flucht und die Zelle von 1810

Er flieht.

Die Einzelheiten sind seine eigenen. Er schreibt später, er sei Johnson entkommen und nordwärts gelaufen. Charleston liegt am Meer, North Carolina beginnt zweihundert Kilometer weiter, Fayetteville liegt noch weiter. Er läuft, vermutlich nachts, durch eine Landschaft, deren Sprache er kaum kennt. Er bittet, vermutet man, mit Gesten um Brot. Er wird wahrscheinlich von freien schwarzen Gemeinschaften entlang der Route mit Nahrung versorgt; niemand sonst hätte einen weglaufenden, dunkelhäutigen, unverständlichen Mann unbemerkt vorbeiziehen lassen. Schließlich gelangt er nach Fayetteville.

Dort wird er gefasst. Fayetteville liegt etwa auf 35,05° nördlicher Breite und 78,88° westlicher Länge. Eine kleine Stadt im sandigen Hinterland von North Carolina. Nichts Besonderes. Außer dass es dort in jenem Augenblick eine Zelle gibt, in der dieser Mann landet.

Er sitzt dort wochenlang. Er isst, was man ihm gibt. Er schläft. Und er hebt, und nun kehren wir zu dem Bild zurück, mit dem dieser Artikel begann, ein Stück Holzkohle auf. Und er schreibt.

Er schreibt Zeichen an die Wand, die niemand um ihn herum lesen kann.

Die Nachricht geht durch die Stadt. Fayetteville hat arabischsprachige Besucher: einige levantinische Händler kommen vorbei, ein jüdischer Dolmetscher, ein Missionar, der Hebräisch kann und meint, daraus Arabisch destillieren zu können. Sie kommen einer nach dem anderen. Sie sprechen mit ihm. Sie können ihn nicht alle vollständig verstehen; sein Arabisch ist westafrikanisch, seine arabische Schrift ist die stilisierte Maghribi-Variante, die ostarabische Sprecher mitunter schwer lesen. Doch der Kontakt reicht aus, um zu bestätigen: Dieser Mann liest und schreibt. Dieser Mann betet. Dieser Mann ist nicht der, den sie für ihn hielten.

Ein Pflanzer aus Bladen County, James Owen, hört davon. Er kauft Omar ﵀. Owen ist, hier müssen wir vorsichtig mit Worten sein, eine Ausnahme innerhalb der südstaatlichen Pflanzerklasse. Er ist wohlhabend, reformiert in seinen Neigungen, gewürzt mit jener intellektuellen Verfeinerung, die manche südstaatlichen Eliten sich anmaßten. Sein Bruder John Owen wird später Gouverneur von North Carolina. James ist nicht grausam auf die Art Johnsons. Er ist grausam auf die Art des Systems selbst: Er betrachtet Omar ﵀ als Eigentum. Er lässt ihn nicht frei. Doch er gibt ihm ein Zimmer, eine arabische Bibel und Zeit zum Schreiben.

Dort, auf Owens Plantage in Bladen County (~34,62° N, –78,55° W), wird Omar ﵀ die nächsten vierundfünfzig Jahre seines Lebens verbringen.

Die „Bekehrung"

1819 verkündet James Owen öffentlich: Omar habe sich zu Christus bekehrt.

Die südstaatliche Presse greift das auf. Omar wird in den folgenden Jahren zu einem kleinen lokalen Phänomen, ein „zivilisierter" Afrikaner, der Arabisch und christlich zugleich ist, ein Beweisstück in der pro-Sklaverei-Rhetorik, dass „seht, auch sie können das Licht sehen". Er wird herumgezeigt. Ein Besucher aus dem Norden kommt, ihn zu betrachten, und notiert gerührt, wie er mit ihm betet.

Doch sehen wir genau hin.

1819 ist er etwa neunundvierzig. Er besitzt seit kurzem eine arabische Bibel, die Owen ihm gegeben hat. Er schreibt in jenen Jahren verschiedene kurze arabische Texte: Briefe, Fragmente, Reflexionen, die von Owen gesammelt und an nördliche Abolitionisten, an orientalische Orientalisten, an neugierige presbyterianische Geistliche weitergereicht werden. Diese Männer, größtenteils ohne Arabisch, nehmen an, es seien fromme christliche Texte.

Sie sind, wenn sie ein Jahrhundert später von Arabisten entziffert werden, größtenteils Koranverse.

Ein Manuskript, das mit der Frage „was kann ich über mein Leben sagen" beginnt, eröffnet nicht mit dem Vaterunser. Es eröffnet mit Surat al-Mulk. Sure 67. Eine Sure, die in der islamischen Tradition traditionell für die Toten gelesen wird und von der Souveränität Allahs ﷻ über die ganze Schöpfung handelt. „Gesegnet ist Er, in dessen Hand das Königreich liegt, und Er hat Macht über alle Dinge." Ein Mann, der in Sklaverei lebt, beginnt seine Lebensgeschichte mit einer Sure darüber, wer wirklich König ist.

Er unterzeichnet mehrere Briefe mit „Lob sei Allah ﷻ, Herr der Welten". Das ist al-Fatiha. Das ist nicht die Sprache eines Mannes, der mit seiner Vergangenheit gebrochen hat. Das ist die Sprache eines Mannes, der die Vorsprache noch spricht.

Ala Alryyes, Professor in Yale, hat in seiner Edition von 2011 A Muslim American Slave den Text geduldig mit paläographischen und philologischen Werkzeugen durchgegangen. Sein Schluss, bestätigt von Sylviane Diouf in Servants of Allah (2013) und von Ghada Hashem Talhami noch früher, ist behutsam und präzise: Omar ibn Said ﵀ führte nach außen eine angepasste Identität, um zu überleben. Nach innen blieb er, was er immer gewesen war.

Wir werden über sein Inneres nicht mehr sagen als das. Er hat es selbst verborgen gehalten. Diese Privatsphäre, zwischen ihm und Allah ﷻ, gehört allein ihm. Wir dürfen dort nicht eindringen und ein Urteil sprechen. Wir dürfen jedoch mit gesunder Zurückhaltung feststellen, was er aufs Papier gesetzt hat: Suren, keine Psalmen. Al-Fatiha, nicht das Credo. Eine Eröffnung, die er bewusst wählte und die nur jemand schreiben konnte, der den Koran kannte.

Seine äußere Erklärung war Überleben. Seine innere Praxis, soweit wir sie aus seiner Schrift erschließen können, war Bewahrung.

Das ist ein Unterschied, den jeder Muslim im Saal sehen können muss.

Yusuf ﵇: Das koranische Spiegelbild

Nun müssen wir einen Augenblick still werden.

Denn es gibt etwas, worauf Omar ibn Said ﵀ in seinen eigenen Texten zurückkommt. Nicht ausdrücklich, nicht namentlich. Doch die Struktur seines Lebens ist die Struktur einer Geschichte, die er als Kind schon auswendig kannte. Surat Yusuf. Sure 12 des Korans.

Yusuf ﵇, Sohn Yaʿqubs ﵇, Enkel Ishaqs ﵇, Urenkel Ibrahims ﵇, wurde von seinen eigenen Brüdern aus seinem Haus weggeführt. In einen Brunnen geworfen. Von einer vorbeiziehenden Karawane aufgelesen. Nach Ägypten gebracht. Dort verkauft. Dort zum Sklaven gemacht. Dort, als Sklave, stieg er auf, durch seine Bildung, durch seine Integrität, durch seine Frömmigkeit. Er wurde Verwalter der Kornspeicher. Er rettete ein Volk vor Hungersnot. Und er vergaß keinen einzigen Tag, wer er war, woher er kam und wem er gehörte.

Omar ﵀ kannte diese Geschichte. Wort für Wort. Er hatte die Sura Jahre zuvor memoriert. Er kannte den arabischen Klang jedes Verses. Und als er, gefangengenommen von Unbekannten, über Wasser verschleppt, auf einem Markt verkauft, schließlich Verwalter auf jemandes Plantage, Schriftkundiger zwischen Analphabeten, Muslim zwischen Christen, sein Leben gegen jene Sura hielt, muss er etwas gesehen haben.

Keine Metapher. Keine poetische Parallele. Eine Struktur.

Yusuf ﵇ war zum Sklaven gemacht und gelehrt geblieben. Yusuf ﵇ hatte in Ägypten zwischen Menschen gelebt, die seinen Gott nicht kannten, und war selbst nicht vergesslich geworden. Yusuf ﵇ hatte eine Sprache bewahrt, die seine Herren nicht lesen konnten, in seinem Fall die Sprache der Träume, bei Omar ﵀ die arabischen Buchstaben an einer Zellenwand in Fayetteville.

Und Yusuf ﵇ hatte, als er endlich Macht erhielt, diese Macht nicht genutzt, um seine Brüder zu strafen. Er hatte ihnen vergeben. Das ist die moralische Spitze der Sura.

Was hat Omar ﵀ mit den Menschen getan, die ihn besaßen? Er hat sie in seinen Texten nicht verflucht. Er hat James Owen, der ihn kaufte und nie freiließ, in seiner Autobiographie sogar als jemanden gepriesen, der ihn gut behandelt habe. Das mag wie Stockholm-Syndrom geklungen haben. Es kann auch etwas anderes gewesen sein. Es kann die Sura gewesen sein. Ein Mann, der seine eigene Geschichte innerhalb einer Prophetengeschichte verortet, entscheidet sich, wie der Prophet, kein Hass als letztes Wort stehen zu lassen.

Als Omar ibn Said ﵀ an jener Zellenwand in Fayetteville schrieb, war er nicht allein. Er stand in einer koranischen Erzähllinie. Er wusste das. Und wir, wenn wir gut lesen, wissen das auch.

Das ist vielleicht das eindringlichste Faktum dieses ganzen Abends. Die Geschichte hat seinen Körper gefangen gesetzt, seine Sprache zertreten, seinen Namen umgebaut. Doch innerhalb des Korans, auf der Seite, auf der Surat Yusuf unverändert weiterhin steht, war er nie außerhalb seiner selbst.

Die Autobiographie von 1831

Im Jahr 1831, er ist da etwa einundsechzig, setzt er sich hin und schreibt es nieder.

Fünfzehn Seiten. Auf Arabisch. Mit einer Rohrfeder oder einer Gänsefeder, wir wissen es nicht genau. Auf Papier, das Owen ihm gegeben hat. In einem Raum auf der Plantage. Draußen arbeiten andere Versklavte auf den Feldern. Drinnen schreibt ein Mann die einzige arabische Autobiographie eines versklavten Afrikaners, die wir aus den Antebellum-Vereinigten Staaten besitzen.

Wir besitzen nichts anderes als dies. Das ist keine Übertreibung. Das ist ein Faktum.

Das Manuskript eröffnet mit Bismillah. Dann eine vollständige Fatiha. Dann Surat al-Mulk in voller Länge. Erst danach beginnt die Lebensgeschichte. Er schreibt über Futa Toro. Über seine Lehrer. Über seine fünfundzwanzig Studienjahre. Über eine frühere Hadschdsch, er hatte vor seiner Gefangennahme bereits eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen, was unter westafrikanischen Torodbe seines Standes nicht ungewöhnlich war. Über den Krieg, der ihn fortriss. Über die Überfahrt. Über Johnson. Über die Flucht. Über die Zelle. Über Owen.

Er schreibt auch über das Christentum. Vage. Manchmal in einem Ton, der wie schickliche Zustimmung klingt. Manchmal mit einem Satz, der, wenn man ihn auf Arabisch laut liest, genau ein Suren-Echo ist, an einer Stelle, an der ein christlich frommes Wort stehen sollte. Wir überlassen die genaue Exegese davon Alryyes und Diouf. Wir nehmen das Manuskript als das, was es ist: ein verwickeltes, doppelstimmiges, sorgfältig bewahrtes Dokument aus einem Leben, das durch zwei Welten geschnitten ist.

Nach seinem Tod gerät das Manuskript in die Hände eines nördlichen abolitionistischen Kreises. Es wird von Orientalisten des neunzehnten Jahrhunderts kopiert. Es geht durch verschiedene Archive. 1995 wird es der Library of Congress in Washington D.C. geschenkt. Seit 2019 ist es dort vollständig im Besitz und in digitalisierter Form online verfügbar; Signatur mss85544. Jeder in diesem Saal kann es heute Abend, bevor er ins Bett geht, auf seinem Telefon aufrufen.

Dort liegen seine fünfzehn Seiten. Dort liegt, in seiner eigenen Handschrift, sein Leben.

Der Tod und das Archiv

Er stirbt 1864.

Es ist ein bitteres Jahr. Der amerikanische Bürgerkrieg ist in vollem Gang. Die Emanzipationsproklamation Lincolns von 1863 hat die Versklavten in den aufständischen Südstaaten formal für frei erklärt, doch die Durchsetzung reicht noch nicht bis Bladen County. Der dreizehnte Verfassungszusatz, der die Sklaverei in den gesamten Vereinigten Staaten abschafft, wird erst im Dezember 1865 ratifiziert.

Omar ﵀ stirbt einige Monate vor diesem Datum. Vierundneunzig Jahre alt. Er ist nie frei gewesen. Er hat Frau und Kinder in Futa Toro nie wiedergesehen. Er hat nie ein Dschumuʿa mit anderen Muslimen gebetet. Er hat nie wieder Arabisch von jemandem gehört, der es fließend sprach.

Er wird irgendwo in Bladen County begraben. Sein Grabstein ist nicht mit Sicherheit erhalten. Der Ort ist, gemäß dem Brauch derer, die in Sklaverei sterben, nicht eindeutig markiert.

Doch seine Schrift existiert. In Washington, 38,89° N und 77,00° W, liegt in einer klimakontrollierten Sammlung ein fünfzehn Seiten dickes Heft. Es ist eines der kostbarsten Dokumente der gesamten afroamerikanischen Geschichte. Es ist für die Muslime jener Diaspora eine Reliquie im wahren Sinne des Wortes: ein Stoff, betrachtet durch ein Auge, das von anderen Augen nicht durchschaut werden konnte.

Warum sein Name heute zählt

Warum erzählen wir dies in Den Haag?

Weil Omar ibn Said ﵀ nicht nur eine amerikanische Erzählung ist. Er ist eine atlantische. Die Torodbe-Familien, aus denen er hervorging, die Fulani-Gemeinschaften von Futa Toro und Futa Jallon, haben in derselben Periode, in der er nach Charleston verschifft wurde, auch Menschen in die niederländische Karibik verloren. Die Sklavenregister Surinames enthalten Pulaar-Namen. Karim. Bilali. Salih. Mamadu. Manche dieser Namen sind im Lauf zweier Jahrhunderte weggespült worden, andere sind als Familien- oder Vorname geblieben.

Wenn sich Ihre Familienlinie in Suriname, auf Curaçao, auf Aruba, in Trinidad zurückverfolgen lässt, und für viele in diesem Saal wird das teilweise möglich sein, für andere liegt dieser Faden unter Wasser, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass irgendwo in dieser Linie ein Torodbe-Fulani steht. Jemand aus derselben Senegal-Futa-Region, aus der Omar ﵀ kam. Jemand, der Arabisch lesen konnte, bevor er auf das Schiff gesetzt wurde. Jemand, dessen Glaube in einer oder zwei Generationen unter Plantagendruck weggespült wurde, dessen Dhikr aber vielleicht noch, irgendwo ganz tief, als Gullah-Rhythmus oder Winti-Muster oder halb-christliches Familiengebet weitergegeben wurde.

Wir können uns dessen nicht sicher sein. Wir dürfen es nicht übertreiben. Wir dürfen aber sagen: Wenn Sie heute Abend ein afro-karibischer niederländischer Muslim sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie etwas, einen Namen, eine Gesichtsform, eine Gewohnheit, eine halbe Erinnerung, aus der Welt Omar ibn Saids ﵀ mit sich tragen, nicht klein.

Und selbst dort, wo dieser direkte genealogische Faden unsichtbar ist: Sein Überleben des Glaubens unter Bedingungen, die eigens dafür entworfen waren, diesen Glauben zu töten, ist ein Geschenk an jeden Muslim, der nach ihm kam. Er hat nicht nur für sich selbst durchgehalten. Er hat für uns durchgehalten. Er hat in einer Zelle in Fayetteville, in einem fünfzehnseitigen Heft, bewiesen, dass Iman durch einen Ozean reisen und auf der anderen Seite lebend ankommen kann.

Das ist keine Romantik. Das ist Beweis.

Er war einer

Er war einer. Er war nicht der einzige.

In Omars ﵀ Generation und vor ihm und nach ihm wurden Tausende westafrikanischer Muslime über den Atlantik verschleppt. Forscher wie Sylviane Diouf und Michael Gomez schätzen, dass fünf bis zehn Prozent der Versklavten in den Vereinigten Staaten Muslime waren. Andere schätzen höher. Für die Karibik sind die Zahlen schwerer zu bestimmen, aber nicht niedriger. Die meisten dieser Menschen haben kein Manuskript hinterlassen. Die meisten ihrer Namen sind aus den Archiven gewischt worden oder sind nie hineingeraten. Die meisten ihrer Gesichter kennen wir nicht.

Omar ibn Said ﵀ ist die Stimme, die durch dieses Schweigen hindurch spricht. Er ist nicht die Ausnahme. Er ist ein Zeuge.

Wir gehen jetzt zu den anderen. Wir gehen zu Bilali Muhammad ﵀ auf Sapelo Island, dessen Enkel in den 1930er Jahren noch die Fatiha aufsagen konnten. Wir gehen zu Ayuba Suleiman Diallo ﵀, dessen arabischer Brief ihn aus einer Zelle in Maryland nach London brachte. Wir gehen zur Malê-Revolte in Bahia, wo im Januar 1835, vier Jahre nachdem Omar ﵀ seine Autobiographie geschrieben hatte, Hausa- und Yoruba-Muslime in Brasilien aufstanden, beteten, bevor sie ausrückten, und ihren Plan auf arabischen Gebetstäfelchen vorbereiteten.

Wir gehen zu dem, was verloren ging. Und wir gehen zu dem, was bleibt.


Quellen

  • Omar ibn Said ﵀, A Muslim American Slave: The Life of Omar Ibn Said, hg. und übers. von Ala Alryyes, University of Wisconsin Press, Madison 2011, pp. xi, 3–7, 23, 51, 59, 61, 63, 65, 67, 69, 73, 75, 77, 79, 84–87, 103, 126, 168–170, 174–175, 184–185, 189–190, 221.
    • pp. 51, 59, 61: die Life von 1831 selbst: die Eröffnung mit der Bismillah und Surat al-Mulk; die Entschuldigung an Sheikh Hunter, dass er viel von seiner eigenen Sprache und vom Arabischen vergessen habe; sein Geburtsort Fut Tur (Futa Toro), seine Lehrer Mohammad Said, sein Bruder, Sheikh Suleiman Kimba und Sheikh Jebril Abdal, die fünfundzwanzig Jahre Studium und das große Heer, das ihn zum Meer führte.
    • pp. 63, 65, 67, 69: anderthalb Monate auf See nach Charleston; Johnson, ein kleiner, schwacher, böser Mann; die Flucht, die sechzehn Tage und Nächte im Gefängnis, Bob Mumford und Jim Owen; die Brüder Jim und John Owen, Gouverneur von North Carolina von 1828 bis 1830; siebenunddreißig Jahre alt beim Verlassen seines Landes und vierundzwanzig Jahre im Land der Christen; der Vers über Mekka und Medina, den Alryyes eher als Glaubenslehre denn als Bericht liest.
    • pp. 73, 75, 77, 79: Lob sei Allah, dem Herrn der Welten; die Fatiha im Ganzen, gefolgt vom Vaterunser; die Ungläubigen, die ihn zu Unrecht verkauften; Jim Owen, der ihn nicht schlägt und ihm keine schwere Arbeit auferlegt.
    • pp. 3–7, 23: die Einleitung von Alryyes: geboren um 1770 als Sohn eines wohlhabenden Vaters, die Maghribi-Schrift, die Flucht von 1810 nach Fayetteville, das Gefängnis von Cumberland County, das Manuskript von dreiundzwanzig Quartblättern mit acht leeren Seiten, der Fund in einer Truhe in Virginia 1995 und die Versteigerung an einen privaten Sammler; Surat al-Mulk als bewusste Wahl und Surat al-Nasr von 1857 als letzter bekannter Text.
    • pp. 84–87: die Ausgabe von Jameson (1925): etwa fünfzehn Quartblätter; Plumer über die Geburt um 1770 am Senegal und die Namen Meroh, Moreau und Moro; die Kohlen aus der Asche und das Arabische an der Zellenwand; die Taufe durch Snodgrass zwischen 1819 und 1822; die arabische Bibel (Newcastle 1811) im Davidson College; General James Owen, der ihn aus Neugier im Gefängnis besuchte und kaufte; sein Grab auf Owen Hill.
    • pp. 168–170, 174–175: der Aufsatz von Sylviane A. Diouf: die Torodbe unter Suleyman Bal, Abdul Kader Kane als erster Almamy nach 1776 und das Almamat, unter dem Omar ﵀ fast sein ganzes Leben lebte; die Niederlage Abdul Kaders im April 1807, die Gefangenschaft in Saint-Louis und die Schiffe nach Charleston, sodass er zu den letzten legal eingeführten Gefangenen gehörte.
    • pp. 184–185, 189–190: der Aufsatz von Ghada Osman und Camille F. Forbes: vierzehn erhaltene Handschriften, die alle mit einer Anrufung Allahs ﷻ und Seines Propheten ﷺ beginnen; etwa neunundfünfzig Jahre alt im Jahr 1831; der Fund von 1995 und der Sammler Derrick Beard; die Fatiha vor dem Vaterunser und die Doppeldeutigkeit von und nun gegenüber aber nun.
    • pp. xi, 103, 126, 221: die Chronologie (geboren 1770, gefangen 1807 im Alter von siebenunddreißig Jahren, die Handschrift von 1819); Michael A. Gomez, Journal of Southern History 60 (1994), hier nachgedruckt, der die Muslime in Nordamerika in Tausenden, möglicherweise Zehntausenden zählt und die zehn bis fünfzehn Prozent von Austin als unbelegt bezeichnet; Alryyes als Professor in Yale.
  • Allan D. Austin, African Muslims in Antebellum America: Transatlantic Stories and Spiritual Struggles, Routledge, New York/London 1997, pp. 129–131, 133–137, 144, 152–153.
    • pp. 129–131: die einzige erhaltene arabische Autobiographie eines amerikanischen Sklaven; die Life nach 1925 als verloren geglaubt und Ende 1995 wiedergefunden; die Südstaatenlegende vom arabischen Prinzen; die arabische Bibel als Geschenk von Christen; die Taufe in der presbyterianischen Kirche, verzeichnet 1821.
    • pp. 133–135: ein dunkler Tukulor-Fulani, kein Araber; die Pilgerfahrt nach Mekka als strittiger Punkt; die Gefangennahme um 1807, etwa dreißig Tage auf der Flucht, aus einer Kirche in Fayetteville geholt; um die vierzig bei seiner Ankunft bei den Owens und die dreiundfünfzig Jahre danach; der englische Koran, den Owen für ihn fand.
    • pp. 136–137, 144, 152–153: das Vaterunser, das er oft schrieb; die Handschrift von 1819, die mit dreizehn Versen der Surat al-Mulk schließt; Surat al-Nasr von 1857, die als Vaterunser weitergegeben wurde; dreiundzwanzig Blätter mit Schrift auf fünfzehn; das Lob der Owens als Worte, um in ihrer Gunst zu bleiben.
  • Sylviane A. Diouf, Servants of Allah: African Muslims Enslaved in the Americas, 15th anniversary edition, New York University Press, New York 2013, pp. 69–70, 83, 90, 94, 112, 167, 191–192, 204, 207–208.
    • pp. 83, 94, 112, 167: die Scheinbekehrung: die Bekehrung um 1819 gegenüber der Bismillah von 1831; der Ramadan, den er im ersten Jahr streng hielt; Moro oder Moreau als Verballhornung von Umaru; der englische und der arabische Koran.
    • pp. 191, 204, 207–208: beim Gebet gefangen, die Bittschriften in Holzkohle an der Zellenwand und der Kauf durch General Owen; etwa neunundfünfzig Jahre alt 1831; Surat al-Mulk als verhüllte Anklage, denn nicht der Eigentümer, sondern Allah ﷻ hat die Macht; das Schreiben in der Sklaverei als Kompromiss.
    • pp. 69–70: die Frage nach dem Anteil der Muslime unter den Deportierten, bei der Diouf auf eine Prozentzahl verzichtet und von Hunderttausenden Muslimen in den Amerikas spricht.
    • pp. 90, 192: Bilali Muhammad ﵀ von Sapelo, seine Frau Phoebe und seine Töchter als praktizierende Muslime, in den dreißiger Jahren von seinen Nachkommen erinnert; der arabische Brief von Ayuba Suleiman Diallo ﵀ an seinen Vater, der ihm die Freiheit erkaufte.
  • João José Reis, Slave Rebellion in Brazil: The Muslim Uprising of 1835 in Bahia, übers. von Arthur Brakel, Johns Hopkins University Press, Baltimore 1993, pp. 73, 93, 118: der Aufstand von Bahia, geplant für die Morgendämmerung des Sonntags 25. Januar 1835, den fünfundzwanzigsten Ramadan 1250, mit den Amuletten und Korantexten bei den gefallenen Aufständischen.
  • Surat al-Mulk 67:1, der Vers, mit dem Omar ibn Said ﵀ seine Life eröffnet.
  • Surat al-Fatiha 1:2, Lob sei Allah, dem Herrn der Welten, der Satz, mit dem er seine Texte beschließt.
  • Surat Yusuf 12, die Prophetengeschichte von Yusuf ﵇, an der der Artikel sein Leben misst.

Verweise

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