Abdullahi dan Fodio ﵀
Der jüngere Bruder, der die juristischen Handbücher schrieb und auf halbem Weg zum Vormarsch nach Alkalawa innehielt, weil das, was er seine jungen Befehlshaber im Namen des Dschihad tun sah, nicht mehr das war, wofür er aus Degel aufgebrochen war.
Leben
Er wurde 1766 in Degel geboren, zwölf Jahre nach seinem Bruder Usman ﵀. Derselbe Vater, Muhammad Fodio; dieselbe Mutter, Hauwa; dieselbe Torodbe-Fulbe-Linie. Sie lasen gemeinsam, beteten gemeinsam, studierten unter denselben Lehrmeistern malikitischen Fiqh (den Mukhtasar von Khalil ﵀, die Risala von Ibn Abi Zayd al-Qayrawani ﵀), Tafsir nach klassischer Methode, arabische Grammatik nach dem Adschurrumiyya, Tasawwuf in der Qadiriyya.
Sie entwickelten sich unterschiedlich. Usman ﵀ wurde der Visionär, jener Mann, dem um 1794-95 in einer Vision der Prophet ﷺ das Sayf al-haqq, das Schwert der Wahrheit, übergab. Abdullahi war dabei nicht zugegen, nicht weil er abwesend gewesen wäre, sondern weil sein Geist anders gestimmt war. Er dachte in Kapiteln, nicht in Visionen. Er war der Faqih-Mudarris, der Jurist und Lehrer.
Bei der Hidschra nach Gudu im Februar 1804 war er achtunddreißig. In seiner Autobiographie Tazyīn al-Waraqāt beschreibt er den Zug selbst: den Staub, den Durst, die Alten, die nicht schnell genug gingen, und den Augenblick, in dem er seinem Bruder unter einem Baum in Gudu Bayʿa leistete. Von 1804 bis 1807 stand er als Befehlshaber des rechten Flügels im Felde, während sein junger Neffe Muhammad Bello ﵀ den linken Flügel führte.
Im Jahr 1807, auf dem Marsch zum entscheidenden Angriff auf Alkalawa, kehrte er um. Er erreichte Kano, jene Stadt, die soeben von den Dschihad-Truppen eingenommen worden war, und blieb dort. Warum? Die Tazyīn spricht es offen aus: Er hatte in der letzten Kampagne gesehen, wie Befehlshaber die Beute ungleich verteilten, Muslime als Kuffar behandelten, wenn es ihnen passte, Frauen raubten, die nach der Scharia nicht geraubt werden durften. Er schreibt, er habe erwogen, den Dschihad zu verlassen, um die Hidschra nach Mekka anzutreten und sein Leben dem Gebet und dem Studium zu widmen.
Sein Bruder konnte ihn dazu bewegen zurückzukehren, unter der Bedingung, dass er einen eigenen Sektor erhielte. Dieser Sektor wurde Gwandu, hundert Kilometer südwestlich von Sokoto. Ab 1808 war er dort Emir. Zwanzig Jahre lang baute er hier, auf 12,69° N und 4,60° O, an einer juristengeprägten islamischen Verwaltung. Er starb 1828 (manche Quellen nennen 1829) in Gwandu, zweiundsechzig Jahre alt.
Glaube und Kultur
Abdullahi ﵀ umfasste nach Hunwicks Katalog ein Werk von fünfzig bis sechzig Schriften, einer der produktivsten Ulama, die Westafrika je hervorgebracht hat. Sein Diya al-Hukkām fīmā la-hum wa ʿalayhim min al-aḥkām ist das Standardhandbuch des Verwaltungsrechts von Sokoto: eine systematische malikitische Behandlung der Rechte und Pflichten des Amir al-Muʾminin, der Qadis, der Zeugen, der Hudud- und Taʿzir-Strafen. Das schärfste Kapitel ist jenes über Beute und Gefangene, in dem er seine Erfahrung von Kano im Jahr 1807 in juristische Norm überführt: Jede Verletzung der malikitischen Regeln zur Ghanima macht den Krieger im Jenseits haftbar.
Sein Tafsir Diya al-Ta’wil fi Ma’ani al-Tanzil erstreckt sich über vier Bände. Sabil al-Najat ist ein Handbuch für Anfänger. Kitab al-Niyya, über die Absicht als Grundlage des Scharia-Handelns, verrät seine Tasawwuf-Wurzeln. Und er dichtete sein Leben lang, in Arabisch und Fulfulde; in der Tazyīn zitiert er seine eigenen Qasidas in emotionalen Augenblicken, ganz so wie Ibn Ishaq Hassan ibn Thabit ﵁ in der Sira zitiert.
In Gwandu gründete er Madrasas, setzte Qadis ein und trat persönlich als Jurist in komplexen Fragen über die Behandlung nicht-muslimischer Nupe- und Yoruba-Bevölkerungen in Vasallenemiraten auf. Gwandu wurde dadurch strenger, juristisch schwerer, diplomatisch weniger geschmeidig als Sokoto, kurz: Gwandu trug die Persönlichkeit seines Gründers.
Nachlass
Dass er 1807 bei Kano stehenblieb und anschließend eine Autobiographie schrieb, in der er seine eigene Bewegung kritisierte, macht ihn einzigartig. Die Tazyīn al-Waraqāt, in moderner Edition und englischer Übersetzung von Mervyn Hiskett 1963 erschienen, zählt zu den ehrlichsten Texten der gesamten islamischen Reformtradition. Er spricht offen von Befehlshabern, die im Namen des Dschihad plünderten, von Beuteteilungen, die Scharia-Regeln brachen, von seinem eigenen Gewissenskampf. In Stil und Anliegen ist sie vergleichbar mit al-Ghazalis ﵀ Munqidh min al-Dalal: ein Jurist, der bereit ist, die eigene Position zu kritisieren.
Nach dem Tod des Schehu im Jahr 1817 erwartete ein Teil der Ulama, dass Abdullahi ﵀, nicht Bello ﵀, der nächste Kalif werden würde; er war älter, Onkel, intellektuell der ranghöchste Überlebende. Bello ﵀ wurde bestätigt. Abdullahi ﵀ leistete Bayʿa, doch das Verhältnis blieb ungleich, und das Ungleiche tat weh. In den Jahren 1820-21 brachen kurze Unruhen zwischen Truppen aus Sokoto und Gwandu bei Kalambaina aus, nie ein eigentlicher Krieg, doch genug, um diplomatische Vermittlung erforderlich zu machen. Abdullahi ﵀ schrieb später, er sei erschüttert gewesen, dass Blut zwischen Mudschahidin geflossen sei. Die tiefere Trennlinie, Abdullahis juristische Strenge gegenüber Bellos ﵀ verwaltungspraktischem Pragmatismus, wurde zu einer strukturellen Spannung zwischen Gwandu und Sokoto, die bis zur britischen Kolonisierung 1903 andauerte.
Für uns ist er unentbehrlich, weil er zeigt, dass die islamische Tradition nicht nur eine Tradition der Siege ist, sondern auch eine der ehrlichen Selbstkritik. Er ist das Gewissen des Dschihad, von innen heraus, nicht von außen.
Auf der Karte
Degel (13,03° N, 5,25° O) als Geburts- und Aufbruchsort. Gudu (12,75° N, 4,50° O) als der Punkt, an dem er seinem Bruder Bayʿa leistete. Kano (12,00° N, 8,52° O) als der Ort seines Innehaltens; die 400 Kilometer von Gudu nach Kano sind die genaue Entfernung zwischen „ich ziehe mit" und „ich weigere mich, weiterzuziehen". Gwandu (12,69° N, 4,60° O) als sein zwanzigjähriger Sitz und Grab. Die Linie Degel → Gudu → Kano → Gwandu ist geographisch die Biographie eines Gewissenskampfes.
Bühnenaussprache: „Abdullahi dan Fodio" als ab-dul-LA-hi dan FO-dio; „Tazyīn al-Waraqāt" als taz-JIEN al-wa-ra-KAAT; „Diya al-Hukkām" als DI-ja al-huk-KAAM; „Gwandu" als GWAN-du; „Qadiriyya" als ka-di-RI-ja.
Unsicherheiten:
- Geburtsjahr 1766 allgemein anerkannt; einige Quellen nennen 1765.
- Sterbejahr 1828 oder 1829, beide kursieren.
- Aufenthaltsdauer in Kano 1807: einige Monate bis etwa ein Jahr, je nach Quelle.
- Kalambaina-Unruhen 1820/1821: dokumentiert, aber dunkel; Datierung näherungsweise.
- Werkumfang „50-60 Schriften": Schätzung der Hunwick-Bibliographie, variiert je nach Zuschreibung.
Quellen
- Abdullahi dan Fodio ﵀, Tazyīn al-Waraqāt bi-jamʿ baʿd ma li min al-ashʿar (datiert Oktober 1813; Text und englische Übersetzung Mervyn Hiskett, Ibadan 1963), Diya al-Hukkām fīmā la-hum wa ʿalayhim min al-aḥkām, Diya al-Ta’wil fi Ma’ani al-Tanzil, Sabil al-Najat und Kitab al-Niyya: die eigenen Werke, auf denen die Biographie beruht, mit Diya al-Hukkām, geschrieben in Kano um 1807, und Diya al-Ta’wil, datiert 1227 (Kairo 1961), wie verzeichnet bei Last, pp. xxix, 241–243.
- Muhammad Bello ﵀, Infāq al-Maysūr: die Chronik seines Neffen, der das Datum der Hidschra nach Gudu, 10. Dhu’l-Qa’da 1218, Dienstag, 21. Februar 1804, entnommen ist, zitiert nach Last, p. 23.
- Murray Last, The Sokoto Caliphate, Longmans, Green and Co, London 1967, pp. xxix, 7, 23–24, 38, 40–42, 64–65, 70, 148, 241–243.
- pp. 7, 23–24, 40, 148: um 1193/1779 kam er zu seinem Bruder, um bei ihm zu studieren; die Hidschra vom 10. Dhu’l-Qa’da 1218 nach Bello ﵀ und Abdullahi ﵀; in Gudu leistete er als Erster dem Shehu ﵀ die Bay’a, der ihn als obersten Wesir an seiner Seite hatte.
- pp. 38, 41–42: 1807 verließ er auf dem Weg nach Alkalawa das Heer und wich mit fünf Gefährten nach Kano aus, mit Mekka als Ziel; dort wurde er festgehalten, gab im Ramadan Tafsir und schrieb Diya al-Hukkām; die Teilung von 1812, bei der er den Westen erhielt, wobei Gwandu erst nach dem Tod des Shehu ﵀ sein Sitz wurde.
- pp. 64–65, 70: 1817 fand er die Tore Sokotos verschlossen und vollendete drei Wochen später eine kleine Schrift über die Nachfolge im Imamat; seine Zurückgezogenheit seit Kano und die Reibung mit Bello ﵀; die Einnahme von Kalembaina als Versöhnung zwischen Onkel und Neffe.
- pp. xxix, 241–243: das Sterbejahr 1829/1245 und die Liste seiner Werke.
- Mervyn Hiskett, The Sword of Truth: The Life and Times of the Shehu Usuman dan Fodio, Oxford University Press, New York 1973, pp. 61, 105, 113–115.
- pp. 61, 105: der Shehu ﵀, der seinen Bruder in den Tasawwuf einführte; die Verse aus dem Tazyīn gegen Weltlichkeit, Beute und Bestechung.
- pp. 113–115: die verschlossenen Tore von 1817 und fast ein Jahr Entfremdung; die Schlacht bei Kalembina 1820 und die Versöhnung; sein Rückzug in Lehre und Schriftstellerei bis zu seinem Tod 1245/1829.
- Ibraheem Sulaiman, The African Caliphate: The Life, Works and Teaching of Shaykh Usman dan Fodio, The Norwich Press, 2008, pp. 224, 226: seine eigenen Worte über das Verlassen des Heeres, die Bitte der Leute von Kano um ein Buch über die Regierung und Diya al-Hukkām, das zum Regierungshandbuch des ganzen Kalifats wurde.
- R. A. Adeleye, Power and Diplomacy in Northern Nigeria 1804–1906: The Sokoto Caliphate and Its Enemies, Humanities Press, New York 1971 (Ibadan History Series), p. 65: Abdullahi ﵀ (gestorben um 1828) als Emir von Gwandu, gefolgt von Muhammad Wani (1828–1832).